Architekturartikel: Haus am Weinberg von UN Studio

21. August 2016

Ebenso überraschend wie der Entwurf für dieses einzigartige Gebäude von UN Studio ist der Standort. Die sehr extrovertierte Villa steht inmitten eines gutbürgerlich urbanen Stadtteils voller unscheinbarer Einfamilienhäuser.

Während der Recherche für diesen Artikel stößt man schnell an die gewöhnlichen Grenzen. Der Bauherr dieses exklusiven Anwesens will selbstverständlich anonym bleiben und nicht angesprochen werden, so die Architekten. Selbst der genaue Standort des Gebäudes bleibt wie so oft ungenannt.

Mit etwas Rechercheaufwand aber ist das »Haus am Weinberg« in der Nähe von Stuttgart schnell gefunden. Obwohl die Bilder anderes suggerieren, steht das Gebäude gänzlich unspektakulär von der Straße zurückgesetzt in einer gutbürgerlichen Gegend, die mit »Architekturkultur« erkennbar nichts zu tun haben will. Die Nachbarschaft gibt sich freundlich distanziert und spricht mit leisem Spott von der großen »Kongresshalle« und ihren mehr als 600 Quadratmetern Wohnfläche für zwei Personen.

Bauherrschaft als auch Architekten bewegen sich in derselben Branche. Der Immobilienunternehmer mit jahrzehntelanger Erfahrung begegnete dem Planer auf Augenhöhe. Das spürt man und erklärt vielleicht auch den offen formulierten Wunsch an den Architekten nach einem »letzten Gebäude«. UNStudio sollte einen Ort schaffen, der so flexibel bleibt, dass er sich allen Änderungen im Leben anpasst und kein Umzug mehr nötig wird.

Die präzise Erfahrung aller Beteiligten spiegelt sich in der Orientierung des Hauses wieder, die auf den ersten Blick nicht logisch erscheint. So öffnen sich tatsächlich die großen zweigeschossigen Fensterformate zum Hang hin. Sie ermöglichen damit eine Aussicht, die zwar spätestens – an der von einer Hecke begrenzten – Grundstückfläche endet, pointieren aber dafür mit Ihrer Nord-West-Orientierung den abendlichen Sonnenuntergang und den Blick in einen sehr gepflegten Garten. Nur so kann sich der Eigentümer trotz der großzügig verglasten Fassaden die gewünschte Privatheit erhalten.

Zentrales Element ist eine skulpturale Treppenanlage, die sich in einer leichten, aber raumgreifenden drehenden Geste nach oben windet. Sie beginnt auf dem in den Hang geschobenen Eingangsgeschoss und führt den Besucher mit genauestens geplanten Richtungswechseln durch das Gebäude. Die jeweils letzte Treppenstufe entlässt den Besucher dorthin, wo dieser neben der besten Aussicht auch das beeindruckenste Raumerlebnis erlebt. Die Villa ist ein Meisterwerk an inszenatorischer Komposition. Dageben bleibt die Möblierung spärlich und zurückhaltend. Der großzügige und freie Raum einer 620 Quadratmeter großen Villa wird als der wahre Luxus gefeiert.

Alle privaten Wohnräume wurden entsprechend ihrer Nutzung dem Tagesablauf eines Unternehmerpaares und dem dazu passenden Sonnenstand angepasst. Zwar ist den Plänen zu entnehmen, dass das großzügig angelegte Schlafzimmer Privatheit bieten soll, aber vor Ort ist davon nichts zu sehen. Riesige Fenster nach Osten lassen wie gewünscht die Morgensonne herein, bieten aber den vielen, entlang dem benachbarten Weinberg flanierenden Spaziergängern exklusive Einblicke.

Die tragende Betonkonstruktion der Außenwände mit Aufzugsschacht und zwei Stützen wurde auf ein Minimum reduziert. Das Resultat waren große freitragende Spannweiten, die die Auflösung und stützenfreie Verglasung aller vier Gebäudeecken ermöglichen. Ben van Berkel sagt, dass er alle am Bau beteiligen Disziplinen sehr frühzeitig am Entwurf beteiligt, um mit deren konstruktiven Einflüssen zu spielen. Das oberste Stockwerk scheint im Wesentlichen zu schweben. Die bereits erwähnte, zum Hang orientierte, zweigeschossige Verglasung lässt sich über Eck öffnen und verwischt so die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum.

Die offensichtliche Leichtigkeit und Schwerelosigkeit des Entwurfs spiegelt sich auch im Lichtkonzept wieder. Die großen Glasflächen lassen das Tageslicht tief in den Innenraum mit seiner zurückhaltenden Materialität und den Oberflächen aus Eiche, Naturstein und gespachtelten Wänden. In den Abendstunden inszeniert eine aufwändige Beleuchtung den skulpturalen Gestus der Villa und damit das Selbstbewusstsein eines wirtschaftlich sehr erfolgreichen Unternehmerpaares.

So »durchschaubar« die Villa im wahrsten Sinn des Wortes ist, so überraschend intim bleibt ein Raum, der dem »Männervergnügen« oder, wie es die Architekten ausdrücken, der männlichen Geselligkeit gewidmet ist. Schon diese Wortwahl bereitet auf den schockierenden Kontrast zwischen der weißen Villa und dem in dunkelsten Tönen gehaltenen Trophäenraum vor, der, wie man den Plänen entnehmen darf, eigentlich neutral »Mehrzweckraum« heißt. In der Belle Etage, zur Straße hin orientiert, wird durch den weitest gehenden Verzicht auf Fensterflächen jede Einsichtnahme verwehrt. An diesem mit Intarsien geschmückten, etwas sehr rustikal daher kommenden, dunklen Ort stehen stumm die Individuen, die dem Herrn des Hauses und seiner Jagdleidenschaft begegnet sind. Hier reibt sich der geneigte Kritiker vor Verwunderung die Augen und schließt sich deren beredter Sprachlosigkeit an.

Architekten: UNStudio, www.unstudio.com

Lichtplanung: a•g Licht, www.agLicht.de

Möblierung:
Barbara Benz Einrichten GmbH, architare.de
Poggenpohl Forum GmbH, www.poggenpohl-stuttgart.de
Fleiner GmbH, fleiner-moebel.de

Leuchten:
Windfall GmbH, www.windfall-gmbh.com

Fotos: Iwan Baan, www.iwan.com

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