Haus in Travessa do Patrocínio von Rebelo de Andrade Architekten

22. Dezember 2016

Haus in Travessa do Patrocínio von Rebelo de Andrade Architekten

Das kleine Wohngebäude in einem alten Viertel der portugiesischen Hauptstadt Lissabon von von Rebelo de Andrade Architekten lenkt viel Aufmerksamkeit auf sich. Wer denkt, die Fassade wäre hier das bemerkenswerteste Detail, der irrt.

Die drei Architekten Luís Rebelo de Andrade, Tiago Rebelo de Andrade und Manuel Cachão Tojal sind sämtlich in Lissabon geboren und bauten in Ihrer Heimatstadt ein wirklich einmaliges Wohnhaus, das voller Überraschungen steckt und zeigt, wie man aus erstaunlich „wenig“ sehr viel „mehr“ machen kann.

Es wurde auch Zeit, dass sich jemand um diese Straßenecke in Santo Condestável, einem Stadtteil von Lissabon, kümmert. Nur ein paar Gehminuten vom deutschem Friedhof Cemitério Alemão, in einer kleinen Seitenstraße, stand über viele Jahre eine verlassene, leer stehende, zweigeschossige Bauruine für die sich niemand interessierte. Kein Wunder, denn das winzige Grundstück schien für jede moderne Nutzung viel zu klein. In diesem gutbürgerlichen und gepflegten Viertel konnte sich niemand vorstellen, auf diesem vergessenen Flecken eine sinnvolle Nutzung unterzubringen.

Vielleicht war es die Mischung aus viel Erfahrung und einer ordentlichen Portion Experimentierfreude die zu dieser Entwurfsidee aus der Feder zweier Architektengenerationen führte. Luís Rebelo de Andrade ist Anfang der Fünfziger Jahre geboren, Tiago Rebelo de Andrade und Manuel Cachão Tojal sind beide gerade um die dreißig Jahre alt.

Wenn man in innerstädtischer Lage jeden Quadratmeter Fläche für das Haus braucht, muss man auf eine Grünfläche verzichten. Dieser allzu schlichten Erkenntnis wollte sich das Planertrio nicht anschließen und erdachte, anregende Vorbilder wie zum Beispiel das Musée du quai Branly in Paris gibt es ja genug, den vertikalen Garten. 4500 Pflanzen aus 25 verschiedenen iberischen und mediterranen Sorten belegen eine Wandfläche von ca. 100 Quadratmetern. Dass dieser Fassadengarten tatsächlich auch was mit dem Innenraum zu tun hat, sieht man weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick. Aber man riecht es. Wer die Geschosse durchwandert, wird auf der Ebene der Schlafzimmer mit Lavendelduft olfaktorisch verwöhnt und kann im Wohnbereich, direkt unter dem Flachdach, eine Nase voll Rosmarin nehmen. Auf dem Dach wiederum gilt es Safran zu erschnuppern.

Und es gibt noch eine zweite Intention, die für den vertikalen Garten spricht: „Vor dem Haus befindet sich ein öffentlicher Brunnen, daneben stehen zwei Bäume. Wir gaben dem Gebäude das Gesicht einer großen Pflanze, so dass der Neubau wie ein natürliches Element dieses Umfeldes wahrgenommen wird, „ erklären die Drei.

Betritt man das Gebäude auf Straßenebene, erschließen sich alle Geschosse mit einem Blick. Ein kerzengrades, schmales Treppenhaus führt bis hinauf zur Dachterrasse und wird von dort über große Oberlichter belichtet. „Die Alfama, die historische Altstadt von Lissabon“, so die Architekten, „ war uns Inspiration und Anregung für diese Treppe. Nirgends in Lissabon sind die Gassen enger und die Wege steiler als in diesem Viertel zwischen der Festungsanlage Castelo São Jorge und dem Ufer des Tejo.“

Einen Außenbereich gibt es nicht. Wer die Eingangstüre verlässt, steht unmittelbar auf dem öffentlichen Platz. Das Erdgeschoss nimmt neben der Garage, einen Wohnraum sowie alle technischen Räume auf. Es wundert, dass sogar ein Aufzug im Grundriss untergebracht werden konnte. Dies hat offensichtlich seinen Grund in der ungewöhnlichen Anordnung der Nutzungen. Zentraler Wohnraum, das Esszimmer und die Küche befinden sich im obersten Geschoss, also auf der zweiten Ebene. Die beiden Schlafräume und die dazugehörigen zwei Nassräume sind darunter im ersten Stock. Der erste Weg in das Gebäude führt also immer in das oberste Stockwerk mit seinen kreisrunden Deckenfenstern, die ein interessantes Lichtspiel bieten, als würde das einfallende Licht durch eine Wasserfläche hindurch variiert.

Die Gebäudetrennwand zum Nachbarn zieht sich als Sichtbetonscheibe über alle Geschoße und wird auf Schaltafelgröße mit eingelassenen Fugen rhythmisiert. Ohne jede statische Erfordernis ist sie weit über das Gebäude hinaus gezogen und manifestiert damit einen aus der Innenarchitektur heraus geleiteten gestalterischen Anspruch auf den öffentlichen Vorplatz.

Es war naheliegend, trotz des beengten Platzes die Dachfläche als Terrasse zu gestalten. Die Aufzugumhausung samt benachbartem Dusch- und Toilettenraum ist mit Spiegeln verkleidet und wirkt so im Außenraum fast unsichtbar.

Hier oben erwartet den Besucher auch die größte Überraschung. Auf diesem winzigen Haus ist ein Freibad angelegt! Über fünf hölzerne Stufen geht man eine halbe Ebene hinauf und kann dort ins Wasser steigen. Wer das Becken mit wenigen Zügen durchmisst, erkennt den Sinn der Oberlichter im Wohnraum. Im Beckenboden eingelassen ermöglichen sie die Durchsicht nach unten. Bauphysikalisch ist diese optische Verbindung zwischen Innen und Außen eine sehr mutige Entscheidung.

Man weiß nicht, wen man angesichts dieses Gebäudes mehr beglückwünschen soll. Den Bauherren für die Beauftragung dieses innovativen Architektentrios oder die Planer für den besonders aufgeschlossenen Bauherrn?

Autor: Rolf Mauer

Rebelo de Andrade, www.rebelodeandrade.com

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