Stadtmuseum in Kaufbeuren von Metaraum Architekten

17. August 2015

»Es gab auf den ersten Blick nicht viel zu gestalten«, untertreibt der Architekt Marcus Lembach angesichts der Aufgabe, das Stadtmuseum Kaufbeuren zu sanieren und mit einem Neubau zu ergänzen. Die Planer waren trotzdem kreativ und zitieren eine ortstypische Besonderheit: den Kaufbeurer Giebelschmuck.

Eigentlich, so formulieren es die Architekten von Metaraum, ging es im 2007 ausgeschriebenen Wettbewerb nur darum, einen Altbau um diverse Funktionen zu erweitern. Erst im weiteren Verlauf des Entwurfs wurde klar, dass das Gebäude – als echter Ort in der Stadt – mehr können muss. Daher formulierten die Planer für den Neubauanteil den Gedanken eines behutsamen Einfügens in die Umgebung. Proportionen und Materialwahl beziehen sich auf den vorgefundenen Kontext und interpretieren ihn mit einer eigenen Formensprache. Auffallendes Kennzeichen der Altstadt von Kaufbeuren sind pointierte Elemente, die als Lüftlmalerei oder Ziergitter an den Häusern zu finden sind. Diesen Schmuck der städtischen Bürgerhäuser nehmen Metaraum in zeitgemäßer Übersetzung auf: In abstrahierten Strukturen wird der Kaufbeurer Giebel- und Fassadenschmuck zitiert und in Form lasergeschnittener, metallener Platten vor die Fensterflächen des Neubaus positioniert.

Das zeigt Wirkung: Da in den engen Straßen der Altstadt das Stadtmuseum in der Annäherung kaum wahrgenommen wird, gibt es im 2. Obergeschoss einen in den öffentlichen Raum geschwenkten Erker mit seinen markanten Ornamenten einen deutlichen Hinweis auf den Eingang des Gebäudes. Vor allem nachts wirkt dieser von weitem wie eine Laterne und verweist auf die Abendveranstaltungen im Haus.

Der vorgefundene bauliche Bestand eines barocken Bürgerhauses und denkmalpflegerische Vorgaben waren letztlich bestimmend für das Konzept des Stadtmuseums. Die Architekten sehen ihre Arbeit als »Plombe«, deren Form von den örtlichen Beschränkungen bestimmt wird. Die Kubatur der Innenräume ist folglich nicht das Ergebnis gestalterischen Schaffens, sondern baurechtlicher Zwänge.

Hinter dem eingerückten Haupteingang nimmt das Foyer im Erdgeschoss die volle Breite des Neubaus ein. Der Besucher wird direkt zum flexibel nutzbaren Wechselausstellungsraum geführt. Dieser öffnet sich durch seine Glasfassade in den Gartenraum des Museums. Auch dieser Fassadenanteil wird mit den bereits erwähnten Metallornamenten akzentuiert, die starke Sonneneinstrahlung filtern und einen limitierten und dadurch spannungsreichen Ausblick liefern.

Mit der Raumfolge im Eingangsbereich wird die Museumsnutzung optisch in den Innenhof hinein erweitert. Eine durchdachte Maßnahme, die maßgeblich zur großzügigen Wirkung des eigentlich eher kleinteiligen Museums beiträgt. Im Foyer des Neubaus kaschiert ein frei stehendes funktionales Raummöbel den Treppenabgang zur Garderobe und den Nebenräumen im Untergeschoss. Dessen Farbgebung ist abgeleitet aus dem Rosé der historischen Außenfassade. Der Farbton, der unter Zurücknahme der Sättigung aufgehellt wurde, verteilt sich auf alle Einbauten, die nicht Teil der Ausstellung sind und markiert sie als untergeordnete Servicefunktionen. Der Kalkstein-Bodenbelag aus Untersberger Marmor passt sich dabei mit seinen leicht rötlichen Einschlüssen der historisch begründeten Farbgebung an.

Die Besucher betreten die eigentlichen Ausstellungsräume aus dem Foyer heraus durch eine neu hergestellte Öffnung in der mächtigen alten Wand des barocken ehemaligen Bürgerhauses. Die alte historische Treppe, die die Architekten auch als Ausstellungsstück betrachten, ist Element einer bis in den Dachraum weitergeführten räumlichen Mitte des Hauses, welche die Rundgänge auf den Geschossen vertikal verbindet. Einer der markantesten und spannendsten Räume bleibt vielen Besuchern verborgen: Ein schmales Fluchttreppenhaus mäandert durch die Schnittstelle von Altbau und Neubau. Leider erfolgte die Ausstellungsgestaltung nicht in Abstimmung mit den Architekten. Frei in den Raum gestellte Informationstafeln wirken wie Wandscheiben und verkleinern den an sich schon beengten Raum, historische Stützen verlieren ihre innenarchitektonische Wirkung, Ausstellungsgegenstände wirken wie abgestellt. Je höher man im Gebäude aufsteigt, umso gedrängter erscheint das Sujet. »Ein Stadtmuseum kann keine Vitrine zur Stapelung von Objekten und Artefakten sein,« so die Architekten, sondern soll Stadtgeschichte in die Gegenwart einbinden. Es muss als genutzter und belebter Ort verstanden werden. Das Stadtmuseum Kaufbeuren zeigt eine sorgfältig geplante und mit ihrer Ornamentik markante Architektur, die noch stärker wirken wird, wenn Ausstellungen sie künftig deutlicher respektieren.

Projekt: Stadtmuseum Kaufbeuren
Standort: Kaisergäßchen 10–14, 87600 Kaufbeuren

Bauherr: Stadt Kaufbeuren
Bauaufgabe: Museum
Baubeginn: 2010
Fertigstellung: 2013
Grundstücksgröße: 937 m2
Anzahl Geschosse: 4 + UG
Geschossfläche: 2 034 m2
Nutzfläche gesamt: ca. 1.500 m2

Architekten:
Metaraum Architekten BDA; Wallie Heinisch, Marcus Lembach, Marcus Huber; www.metaraum.de

Grafik Fassadenelemente:
Sibilla Bolay, Stuttgart

Ausstellungsgestaltung:
Atelier Erich Hackl, München

Fotos: Rolf Mauer

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